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7. Robert Maillart

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1872 - 1940

"Robert Maillart war einer der wenigen echten Konstrukteure unserer Epoche. Er dachte in Zusammenhängen, im Gesamten" Max Bill, 1947


  worksabout

 

Robert Maillart ein innovativer Brückenbauer

Robert Maillart ist vor allem bekannt als innovativer Brückenbauer, der sich zum eigentlichen Brückenbaukünstler entwickelte. Er leistete aber auch als innovativer Hochbauer und als Autor wissenschaftlicher Beiträge Wesentliches zur Entwicklung der Betonbauweise und des konstruktiven Ingenieurbaus. Sein Werk hat weltweite Ausstrahlung und Bedeutung.

Die Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums geht auf einen Gesetzesbeschluss der Eidgenössischen Räte im Jahre 1854 zurück. In der Anfangszeit gliederte sich die Schule in fünf Fachabteilungen, nämlich die Bauschule, die Ingenieurschule, die Mechanisch - Technische Schule, die Chemisch - Technische Schule und die Forstschule sowie in eine sechste, die Philosophische und Staatswirtschaftliche Abteilung. Schon in den Anfangsjahren genoss das "Poly" einen internationalen Ruf, da es dem ersten Schulpräsidenten Johann Konrad Kern gelang, eine grosse Zahl ausgezeichneter Lehrkräfte für die Bundeshochschule zu gewinnen.

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Vielleicht der bekannteste dieser ersten Professoren war Gottfried Semper (1803 - 1879), einer der bedeutendsten Architekten seiner Zeit, der zwischen 1855 und 1871 Vorsteher der Bauschule war. Semper wurde auf Empfehlung Richard Wagners aus seinem Londoner Exil, das er aufgrund seiner Teilnahme am Aufstand gegen den Deutschen König 1849 aufsuchen musste, nach Zürich geholt. Nach seinen Plänen wurde auch das erste Hauptgebäude des Polytechnikums errichtet.

Ein zweiter einflussreicher Lehrer in dieser Anfangszeit war der Statiker Carl Culmann (1821 - 1881). Nach der Ausbildung an der Polytechnischen Schule in Karlsruhe und etlichen Jahren Berufspraxis in Deutschland unternahm er ausgedehnte Reisen nach den Britischen Inseln den Vereinigten Staaten von Amerika. Sein berühmt gewordener Reisebericht bildet einen wichtigen Beitrag zur Baustatik und verhalf ihm zu seiner Berufung nach Zürich. Sein Hauptwerk, die "Graphische Statik", entstand anschliessend in direktem Zusammenhang mit seiner Lehrtätigkeit am Polytechnikum.

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Das Erbe Culmanns übernahm sein Schüler und Nachfolger Karl Wilhelm Ritter (1847 - 1906). Als Professor für "Graphische Statik und Brückenbau" schuf er sein vierbändiges Hauptwerk, "Anwendungen der graphischen Statik". Über die Pflege von Culmanns Erbe hinaus leistete er wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Baustatik, namentlich mit seinen Abhandlungen über die Berechnung von Bogenträgern und Hängebrücken sowie die Berechnung und Bemessung von Eisenbetonbauten, durch die Ausarbeitung der sogenannten Festpunktmethode und einige Gutachten, wie zum Beispiel zum Brückeneinsturz Münchenstein. Robert Maillart (1872 - 1940) und Othmar Hermann Ammann (1879 - 1965), gehörten zu seinen Schülern.

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Zur Entwicklung der Eisenbetonbauweise

Beton mit aus Kalk und Puzzolanerde hergestelltem Zement wird bereits von den Römern verwendet. Im Mittelalter gerät der Beton in Vergessenheit. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts finden sich wieder Anfänge: Joseph Aspdin stellt 1824 erstmals Zement durch Brennen einer Mischung von Ton und Kalkstein her. Diesem sogenannten Portlandzement verhilft Isaac Charles Johnson 1844 zum Durchbruch. Portlandzement bleibt bis heute die wichtigste Zementart.

1854 zeigt Joseph Louis Lambot an der Weltausstellung in Paris ein Boot in armierter Zementbauweise. 1861 veröffentlicht François Coiguet die Ergebnisse seiner Versuche an mit Drahtgeflecht armierten Balken und Decken. Etwa zur gleichen Zeit erkennt der Amerikaner Thaddeus Hyatt anhand von Experimenten mit armierten Balken das Zusammenwirken von Beton und Bewehrung: Beton ist druckfest, aber nur wenig zugfest und reisst deshalb schon bei geringer Dehnung; erst im Verbund mit Bewehrungseinlagen, welche die Zugkräfte aufnehmen, wird der Beton für beliebige Bauteile anwendbar.

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Der Durchbruch der Eisenbetonbauweise beginnt, als sich Joseph Monier nach ersten Experimenten zur Herstellung von Pflanzenbehältern 1878 verschiedene Patente für die neue Bauweise ausstellen lässt. Die nachhaltigste Föderung erfährt die Eisenbetonbauweise durch den Unternehmer François Hennebique (1842-1921), der ein eigentliches Bausystem entwickelt und ein Agentensystem in ganz Europa aufbaut (schweizerische Generalagent des Systems Hennebique, Samuel de Mollins).

 

1872 Robert Maillart wird in Bern als fünftes Kind von Edmond Maillart, einem Bankier belgischer Herkunft, und Bertha Maillart-Küpfer geboren.

 

 

Bemerkungen zu Leben, Werk und Rezeption

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Robert Maillarts Leben war in zwei grundverschiedene Perioden geteilt:

Die Zeit vor dem Russland-Aufenthalt und dem Tod seiner Frau war sowohl durch einen pionierhaften Tatendrang als auch durch ein ausgesprochen geselliges Familienleben geprägt. Nach der Rückkehr in die Schweiz kommt Maillart zu einer einzigartigen Meisterschaft als Konstrukteur, mit dem beruflichen Erfolg ging aber ein Leben in relaitver Rückgezogenheit einher.

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Maillarts Werk veranschaulicht in hervorragender Weise das Streben nach den Idealen der Ingenieurbaukunst. Seine Konstruktionen sind sparsam konzipiert und ansprechend gestaltet.

Die Bedeutung Maillarts wurde in engen Fachkreisen zwar schon früh erkannt, einer breiteren Oeffentlichkeit wurde sein Werk aber erst mit dem um 1930 einsetzenden Veröffentlichungen von Siegfried Giedion (1888 - 1948) und mit dem Buch aus dem Jahre 1948 von Max Bill (1908 - 1994) zugänglich. In neuerer Zeit brachten verschiedene Publikationen von David Billington eine umfassende Würdigung.

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1875 -1889 Schuljahre in Bern mit dem Maturitätsabschluss an der Leberschule in Bern. Nach Abschluss des Gymnasiums unternimmt Robert einen ersten Versuch, sich am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich einzuschreiben, wird aber wegen der geltenden Alterslimite zurückgewiesen.

1890 - 1894 Studium am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. Die wichtigsten Impulse gehen dabei vom Unterricht bei Karl Wilhelm Ritter aus, der 1882 die Nachfolge von Carl Culmann antrat. Im Unterricht Ritters behält die graphische Statik den grossen Stellenwert, den ihr Culmann zumass.

1893 Professor Karl Wilhelm Ritter zu einer Reihe von Belastungsversuchen an Balken ein. 1899 veröffentlicht Ritter in der Schweizerischen Bauzeitung den für die weitere Entwicklung der Eisenbetonbauweise grundlegenden Artikel über "Die Bauweise Hennebique".

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1894 - 1896 Erste Anstellung im Berner Büro Pümpin & Herzog. Maillart projektiert unter anderem einige kleinere Brückenbauten für die "Bière-Apples-Morges"-Bahn.

1897 - 1899 Maillart wird von der Stadt Zürich ans Tiefbauamt gewählt. Neben verschiedenen kleineren Aufgaben wird ihm auch die Projektierung der Stauffacher-Brücke über die Sihl anvertraut, die schliesslich nach seinem Entwurf ausgeführt wird.

1899 - 1901 Nach der Anstellung im öffentlichen Dienst folgt ein Engagement bei der Unternehmung Froté & Westermann, die sich auf die Projektierung und Ausführung von Eisenbetonbauten spezialisiert hat. Das letzte grosse Werk Maillarts als Angestellter ist sein Projekt für die Innbrücke in Zuoz.

1901 Bei einem der Aufenthalte in Zuoz lernt Maillart Maria Ronconi kennen. Nach der ersten Begegnung im Speisesaal des gemeinsamen Hotels in Zuoz entwickelt sich ein reger Briefverkehr zwischen Zürich und Turin, wo sie, nachdem ihre Eltern früh gestorben sind, bei einer Industriellenfamilie lebt. Noch im Herbst verloben sich die beiden, und schon kurze Zeit später heiraten sie in Bern.

1902 Das junge Ehepaar lässt sich in Zürich nieder. Mit Max von Müller und Adolf Zarn als Teilhabern gründet Robert Maillart die eigene Bauunternehmung "Maillart & Cie."

1903 Geburt des ersten Sohnes Edmond. Um eine ausreichende Auslastung sicherzustellen darf sich die junge Bauunternehmung nicht auf den Brückenbau allein spezialisieren. Maillart findet in diesem und den folgenden Jahren verschiedene Anwendungen für Bauelemente aus armiertem Beton, die er zum Teil durch Patente schützen lässt.

1904 Im Herbst läuft der Wettbewerb für die Rheinbrücke in Tavanasa, den Maillart gewinnt. Weniger Erfolg, dafür aber Beachtung auch im Ausland, bringt der Wettbewerbs-Entwurf für die Uto-Brücke über die Sihl in Zürich.

1906 Geburt der Tochter Marie-Claire.

1912 Nach den ersten Bauten mit Pilzdecken in der Schweiz stellt sich für die Unternehmung Maillart & Cie. schon bald auch der internationale Erfolg ein. Lagerhallen und Industriebauten in Spanien, Frankreich, Italien und Russland zeugen von der expansiven Geschäftstätigkeit.

1914 Die Familie plant die traditionellen Sommerferien statt wie gewohnt in Italien in Riga, da Maillart geschäftlich dort zu tun hat. Während der Sommermonate wird die Familie vom Ausbruch des ersten Weltkriegs überrascht und beschliesst, die unsichere Situation vorerst in Russland abzuwarten.

1915 Die Maillarts müssen vor der vorrückenden Kriegsfront weichen, vorerst nach St. Petersburg, dann nach Charkow. Trotz der kriegerischen Wirren arbeitet Maillart weiterhin als Ingenieur und Unternehmer.

1916 Tod der Ehefrau Maria Maillart-Ronconi nach längerer Krankheit.

1918 Nachdem sich die Situation nach dem Ende des ersten Weltkriegs einigermassen beruhigt hat, verlassen Maillart und seine Kinder Russland, um in die Schweiz zurückzukehren. Die Rückkehr wird dadurch erschwert, dass Maillart als Folge der Oktoberrevolution sein ganzes, in den Kauf eines Graphitbergwerkes investiertes Vermögen, verloren hat.

1919 Die Rückkehr nach Genf erfolgt auf Umwegen und dauert mehrere Monate. Mit der finanziellen Unterstützung seiner Mutter und seiner Brüder gründet Maillart in Genf ein eigenes beratendes Ingenieurbüro.

1921 - 1924 Die Auftragslage ist in den ersten Jahren nicht überwältigend. Maillart findet Zeit sich theoretischen Problemen zu widmen. In der Schweizerischen Bauzeitung veröffentlicht er verschiedene wissenschaftliche Abhandlungen, beispielsweise zur Frage des Schubmittelpunktes.

1908 Erste Belastungsversuche an unterzugslosen Decken und patentrechtlicher Schutz dieses Hochbau-Tragsystems.

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1909 Geburt des zweiten Sohnes René.

1911 Maillart erhält von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich einen Lehrauftrag für das Fach "Eisenbetonbau". Aufgrund der starken beruflichen Inanspruchnahme kann er diese Lehrtätigkeit aber nur sporadisch ausüben.

1924 Das steigende Auftragsvolumen, nicht zuletzt auch in der Nord- und Ostschweiz, führt zur Gründung von Zweigniederlassungen in Bern und in Zürich. Der Hauptsitz des Büros und auch der Wohnsitz von Maillart bleiben jedoch weiterhin in Genf, von wo er eine wöchentliche Rundreise nach Bern und Zürich unternimmt.

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Die einzelnen Projekte werden durch die Ingenieure Lucien Meisser in Genf und Ernst Stettler in Bern - betreut, Maillart selbst beschränkt sich auf das Skizzieren der Entwurfsideen und das korrigierende Eingreifen und Verbessern. Neben dem Besuch seiner Büros nutzt Maillart die wöchentliche Schweizerreise auch, um sich mit Auftraggebern, Unternehmern und Freunden zu treffen. Zum Wochenschluss trifft sich Maillart tratitionellerweise bei einem Mittagessen mit Mirko Ros, dem Leiter der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Versuchsanstalt (EMPA) und mit anderen langjährigen Freunden in Zürich.

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1936 Bei einem Verkehrsunfall wird Maillart erheblich verletzt, und leidet auch in den kommenden Jahren noch an den Folgen dieses Unfalls.

1937 The Royal Institute of British Architects verleiht Maillart die Ehrenmitgliedschaft. Zusammen mit Eugène Freyssinet, der im gleichen Jahr diese Auszeichnung erhält, ist Maillart der erste Ingenieur, dem diese Ehre zugesprochen wird.

1940 Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein verleiht Maillart die Ehrenmitgliedschaft der Fachgruppe der Ingenieure für Brückenbau und Hochbau.

5. April 1940 Robert Maillart stirbt in Genf.

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SALGINABRUECKE Salginatobelbrücke, 1930 Der Entwurf für die Brücke über das Salginatobel im Prättigau steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Zerstörung der Tavanasabrücke 1927. Erstmals seit 25 Jahren wandte sich Maillart wieder dem hohlkastenförmigen Dreigelenkbogen zu. Mit über 90 Metern Spannweite ist die Salginatobelbrücke die am weitesten gespannte Brücke Maillarts. Sie ist auch seine erste reine Betonbrücke. Kein artfremdes Beiwerk stört die klare Erscheinung.

Texte source: 07.Maillart.FR.1000.pdf

 

 
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